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Das „Arbeits-
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Biografische Skizzen

Zeittafel 1935 - 1945
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Biografische Skizzen
Mehr als 11.000 Fremd- und Zwangsarbeiter/innen wurden zum Ausbau der Pulverfabrik Liebenau und zur Pulverproduktion im Werk herangezogen. Wir wissen bis heute nur sehr wenig über die einzelnen Lebenswege dieser Menschen, die aus den verschiedensten Nationen kamen. Sicherlich gingen einige zunächst freiwillig in das ihnen fremde Land, geworben von den Versprechungen deutscher Behörden oder im Zuge innerstaatlicher Vereinbarungen (z.B. Italiener). Die meisten Frauen und Männer aber - vor allem diejenigen aus den osteuropäischen Ländern - wurden gegen den eigenen Willen in das „Deutsche Reich“ verschleppt. Stellvertretend für die vielen Betroffenen sollen an dieser Stelle einige Menschen kurz vorgestellt werden:

Katerina Derewjanko
Katerina Derewjanko lebte mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in Konstantinovka, einer ukrainischen Kleinstadt in der Nähe von Charkow. Im Frühjahr 1943 wurde Katerina in das „Deutsche Reich“ - zur Zwangsarbeit nach Liebenau/Steyerberg - verschleppt. Von Mai 1943 bis Ende April 1945 musste sie im Steyerberger „Ostarbeiterlager“ leben und unter schweren körperlichen und seelischen Strapazen in der Pulverproduktion arbeiten. Sie hat in Liebenau/Steyerberg mit ansehen müssen, wie zahlreiche Zwangsarbeiter/innen verhungerten, erschlagen oder erschossen wurden. Erst im Juni 1945 konnte sie in ihr Heimatland zurückkehren. Ihre jüngeren Geschwister waren im August 1943 - nach einer Razzia durch Wehrmachtsangehörige - ebenfalls in das „Deutsche Reich“ abtransportiert worden. In täglich 12-stündiger Arbeit und unter ständigem Hunger setzte die Firma Holzmann sie beim Bau eines Bunkers in Berlin-Schöneberg ein. Dieser Bunker befindet sich heute noch auf dem Gelände der Sophie-Scholl-Oberschule.

Pieter Koop

Pieter Koop aus Huizum in den Niederlanden - obere Reihe, dritter von rechts auf dem vermutlich im Steinlager Liebenau aufgenommen Gemeinschaftsfoto - wurde am 26.09.1922 in Bergum (Friesland) geboren. Während der deutschen Besetzung verhaftete man ihn im niederländischen Leeuwarden wegen „Fälschung von Lebensmittelmarken“. Er wurde zur Arbeit nach Deutschland zwangsverpflichtet und kam am 19.02.1943 nach Liebenau. Das Standesamt vermerkte über ihn: "...eingesetzt bei Fa. Eibia in Liebenau...". Pieter war im Steinlager Liebenau einquartiert. In einem seiner Brief an seine Familie berichtete Pieter über die Arbeit bei der Eibia, und dass er „solche Dinge“ lieber nicht produzieren wolle. Am 31.03.1943 floh er aus Liebenau, doch an der niederländischen Grenze verhaftete man ihn. Er wurde in das KZ Neuengamme als politischer Häftling mit der Nummer 19628 verschleppt. Pieter Koop starb dort am 21. Januar 1944, wobei als Todesursache „Lungentuberkulose“ angegeben wurde.

Hildegard A.
Hildegard A. - zweite von rechts, mit weiteren "Arbeitsdienstmaiden" im Steinlager Liebenau - wurde am 02. Juli 1924 in der Nähe von Hildesheim geboren. Nach dem Volksschulbesuch erlernte sie den Beruf der Friseurin. Im Anschluss an die Lehre kam sie am 08. April 1943 zum Reichsarbeitsdienst, wobei man sie der Landarbeit in der Ortschaft Ströhen zuwies. Mit insgesamt 90 weiteren Mädchen arbeitete sie auf den Höfen der näheren Umgebung des Ortes. Vom 29. Oktober 1943 bis zum 20. Mai 1944 verrichtete Hildegard A. den Kriegshilfsdienst in der Pulverfabrik Liebenau, wobei sie in einem Haus des Steinlagers Liebenau mit vier weiteren Mädchen in einer Stube untergebracht war. Im Verlauf ihrer Dienstzeit bei der Eibia GmbH wog, mischte und verpackte sie die sogenannten Ring- oder Blättchenpulver, wobei sie Vorarbeiterin für russische Frauen war. Wie diese litt auch sie unter den Verfärbungen der Haare und der Haut, die aus dem Umgang mit den chemischen Substanzen resultierten. Hildegard A. erinnert sich an die gute Verpflegung für die deutschen Mädchen. Sie weiß aber auch zu berichten, dass zu diesem Zeitpunkt vor allem die italienischen Arbeitskräfte des Werkes besondere Not gelitten hätten und körperlich sehr geschwächt waren. Nachdem die Italiener/innen einige Jahre zuvor noch als Verbündete der Deutschen bevorzugt waren, galten sie nun als Verräter. Italien hatte den Pakt mit dem "Reich" im Jahr 1943 verlassen.

Jouke Wind
Das Foto zeigt Jouke Wind (rechts), geboren am 01. März 1924 in Uereterp/Niederlande, in Liebenau mit seinem damaligen besten Freund Folkert St. in der Uniform der Eibia-Betriebsfeuerwehr. Jouke hatte zuvor im Raumausstattergeschäft seines Vaters gearbeitet. Im Jahr 1941 überprüften deutsche Besatzungsbehörden die niederländischen Betriebe und Unternehmen der Umgebung gezielt nach "überzähligen" Arbeitskräften. Die somit Aussortierten wurden zur Arbeit ins "Deutsche Reich" zwangsverpflichtet. Jouke Wind kam per Sammeltransport am 27. Oktober nach Deutschland, zunächst zur Eibia GmbH nach Bomlitz. Zwei Tage später verschickte man ihn nach Liebenau, wo er im Haus 5 B des Steinlagers Liebenau untergebracht und der Betriebsfeuerwehr des Werkes zugeteilt wurde. In dieser Funktion hatte er Zugang zu allen Werksanlagen und sämtlichen Lagern des Liebenauer Eibia-Komplexes. Er erlebte dabei die grausamen Lebens- und Haftbedingungen im "Arbeitserziehungslager" Liebenau indirekt mit, erinnert sich an die Erniedrigung und Misshandlung der Häftlinge ebenso wie an einzelne Hinrichtungen. Er betont, dass seine damalige Situation als Westeuropäer gegenüber den Polen und "Ostarbeiter/innen" privilegiert war.

Pjotr und Marija Samriha
Der Bauernsohn Pjotr Samriha, geboren am 16.06.1922 in Schyschkowzy, begann im Jahr 1939 mit dem Ingenieurstudium in Kiew. Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf die Sowjetunion wurde er zur Armee einberufen. Ende 1941 geriet er in deutsche Gefangenschaft, doch er konnte fliehen. Im Mai 1942 wurde Pjotr Samriha zur Zwangsarbeit in die Pulverfabrik Liebenau verschleppt und im "Ostarbeiterlager" Steyerberg interniert. Als er sich nach wenigen Tagen gegen die miserable Behandlung auflehnte, überstellte ihn die Gestapo für mehrere Monate in das "Arbeitserziehungslager" Liebenau. Nach der Haft musste er bis zur Befreiung im Jahr 1945 im "Ostarbeiterlager" bleiben.
Im gleichen Zeitraum war auch die am 01.08.1923 in Iwot geborene Marija Denisenko im Steyerberger Lager als Zwangsarbeiterin der Pulverfabrik interniert. Im Jahr 1944 verliebten sich die beiden jungen Menschen ineinander, Marija wurde schwanger. Lagerleiter R. verlangte die Abtreibung, doch die Befreiung verhinderte dies. Im Mai 1945 kam der Sohn in Steyerberg zur Welt. Das Rentnerpaar Samriha lebt in einfachsten Verhältnissen und hofft sehr auf die baldige Auszahlung der sehnlichst erwarteten Entschädigungszahlungen.


1942: Marija Denisenko (links) mit einer Freundin nach der Ankunft im "Ostarbeiterlager" Steyerberg. Im Hintergrund weitere sowjetische Zwangsarbeiter/innen der Pulverfabrik Liebenau. Solche Aufnahmen wurden von deutschen Fotografen gefertigt und verkauft.

1942: Pjotr Samriha. Das Foto aus dem Betriebsausweis der Eibia GmbH.

 

 

 

Marcel Regnault
Marcel Jean Regnault wurde am 24.01.1920 in Brassy/Frankreich geboren. Das Foto zeigt ihn im im Jahr 1937 im Alter von 17 Jahren. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung zum Buchhalter. Am 8. Juni 1940 wurde er in der Region von Grenoble zur französischen Armee eingezogen, nach der Unterzeichnung des Waffenstilstandes mit den Deutschen aber wieder entlassen. Im November 1942 wurde Marcel Regnault zur Arbeit nach Deutschland dienstverpflichtet. In Kassel zur Arbeit eingesetzt und dort "negativ" aufgefallen, erfolgte die Verhaftung mit der Überstellung in das "Arbeitserziehungslager" Liebenau (07. Januar 1943). Neben den deutschen Aufsehern sind ihm die als Hilfskräfte der Wachmänner eingesetzten Mithäftlinge F. und Sch. aufgrund ihrer besonderen Brutalität in besonderer Erinnerung. Wenige Tage nach seiner Einlieferung erlebte er sadistische Quälereien gegenüber einem jüdischen Mithäftling als Augenzeuge mit. Bei seiner Entlassung wurde ihm verboten, über seine Inhaftierung zu sprechen. Nach mehreren Arbeitseinsätzen im norddeutschen Raum kehrte er im Mai 1945 nach Frankreich zurück.

Ein „Werksfriedhof“
In Hesterberg, unmittelbar am Rande des ehemaligen Eibia-Werkes, sind auf einem Friedhof ungefähr 2.000 sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter/innen sowie eine unbekannte Anzahl Polen begraben. Unter den Toten finden sich in einer Ecke des Friedhofs auch polnische, jugoslawische und rumänische Kinder. In einigen Gräbern sind im Zuge von Umbettungsmaßnahmen auch Opfer aus der Zeit des Ersten Weltkrieges bestattet. Die Toten aus den „westlichen“ Ländern wurden auf dem Liebenauer Dorffriedhof nahe dem Bahnhof beerdigt.